Geschichte

EIN RÜCKBLICK

Um das Jahr 1700 befand sich an der Stelle des heutigen Hafengeländes ein kleines, auf Pfählen gebautes Fischerdorf.

Der Fischbestand der Donau machte einen regen Fischhandel möglich und ermöglichte den Fischern ein regelmäßiges Einkommen. Da auch die Donauauen reichlich mit Wild bestückt waren, hielten sich natürlich auch viele Jäger auf, die vom Wildhandel lebten und im Fischerdorf immer gern gesehene Gäste waren.

So kam es zu einer engen Freundschaft zwischen Fischern und Jägern die sich bei jeglichen Gefahren und Naturgewalten gegenseitig zur Seite standen. Leider kam und kommt es immer wieder vor, dass Menschen in den Fluten der Donau, aus welchen Gründen auch immer, ihrem Leben ein freiwilliges Ende setzen. Diese wurden dann von den Fischern oft mühsam aus der Donau geborgen.

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In der Zeit von ca. 1700 bis 1800 wurden die Opfer der Donau an der jeweiligen Fundstelle begraben und die Gräber bekamen ein schlichtes Holzkreuz.

Dieser Platz befindet sich zwischen dem damaligen Donauufer (heute Hafeneinfahrt) und dem heutigen „Friedhof der Namenlosen“.

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1840 konnte man schon von einem kleinen Friedhof sprechen und im Jahre 1900 waren es bereits 478! Tote die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten.

Nach einem kurzen Gebet wurden aber wieder die Aufgaben des Alltags wahrgenommen. Wildtiere, und das damals noch häufige Hochwasser haben die einzelnen, entlegenen Grabstätten arg in Mitleidenschaft gezogen, sodass Anfang des 19. Jahrhunderts (ca. 1815) die Fischer und Jäger den Entschluss fassten, für die Ärmsten der Armen einen würdigen Platz zu finden. Einen Platz wo die arg gequälten Seelen dem „Jüngsten Tag“ entgegensehen konnten.

Unter großem persönlichem Einsatz wurden von den Fischern und einigen Freunden die jeweiligen Opfer der Donau oft weite Strecken im unwegsamen Augebiet, oder wenn es das Gelände zuließ, mit einem Schubkarren zur letzten Ruhestätte gebracht.

Doch wurde dieser Friedhof immer wieder von Naturgewalten heimgesucht und schwer in Mitleidenschaft gezogen, dass man sich entschließen musste einen besser geeigneten Platz zu finden.

In ca. 60 m Entfernung bot sich auf Grund einer natürlichen Vertiefung ein idealer Standort für den bis heute erhaltenen „Friedhof der Namenlosen“ an.

Die bereits vorhandenen 478 Opfer konnten aus Kostengründen nicht exhumiert werden und liegen heute noch an der gleichen Stelle.

Die in diesen Jahren amtierende Gemeindevertretung unterstützte das Vorhaben der Fischer und übernahm die Bereitstellung von Särgen aus Holz, die in der Nachbargemeinde Mannswörth von einer Tischlerei gefertigt und zugestellt wurden.

Noch im Jahre 1900 konnte man mir der Neubelegung des Friedhofes beginnen. So wurde ein Schlagbrunnen installiert, das Friedhofsgebäude eingezäunt und zusätzlich mit einem Naturzaun versehen. Vom Jahre 1900 bis 1931 wurden weitere 82 Opfer begraben.

In dem kleinen Gebäude in dem ein Tisch aus Blech stand wurden die geborgenen Toten von einem Amtsarzt untersucht.

Konnte keine Gewaltanwendung oder die Identität festgestellt werden, wurde der Leichnam zur Beerdigung freigegeben, eingesargt und spätestens einen Tag später begraben.

Einige Opfer konnten identifiziert werden und wurden auf Ersuchen der Angehörigen ebenfalls auf diesem Friedhof bestattet.

Eine unbekannte Anzahl an Toten, deren Angehörige eruiert werden konnten, wurde auf die verschiedenen Ortsfriedhöfe überführt und bestattet (Zentralfriedhof).

 

Im Jahre 1932 übernahm Hr. Josef Fuchs, der bei der Gemeinde Albern als Gemeindewachmann seinen Dienst versah, zusätzlich für die Aufrechterhaltung des Friedhofes notwendigen Arbeiten und brachte bis 1939 weiter 50 Opfer mit einer Trage oder mit dem Schubkarren, unterstützt von Fischern, Jägern oder sonstigen Helfern auf den Friedhof.

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Die häufigen Überschwemmungen bei Regen sowie Eisganghochwässer verursachten in den dicht besiedelten Gebieten große Schäden, auch an Leib und Seele, doch blieben die Hilferufe der Bevölkerung jahrhundertelang ungehört.

Über Anordnung von Kaiser Joseph II wurde in den Jahren 1785 bis 1786 ein Damm zum Schutze des Lebens und das Hab und Gutes errichtet. Dieser befindet sich am linken Donauufer, erstreckt sich von Langenzersdorf bis Nussdorf und ist heute unter dem Namen „Hubertusdamm“ bekannt. Am rechten Donauufer bildet den Hochwasserschutz der Kopfdamm in der Freudenau.

Die Rückstaudämme an beiden Ufern des Donaukanals sind der Albern- Mannswörther Rückstaudamm, der Fischamender Damm und die Hochwasserschutzanlage Hainburg.

Das so gebildete Dammsystem gewährte trotzdem keinen allfälligen Schutz gegen außerordentliche Hochfluten und so entschloss man sich daher im Juli 1935 die Hochwasserschutzdämme in Wien und Marchfeld zu erhöhen.

Mit dem Bestreben möglichst viele Arbeitsplätze zu schaffen, wurde der Handarbeit Vorzug gegeben. Im September 1935 konnten dann die Bauarbeiten fertiggestellt werden.

Nach den Wünschen des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft sollte diese Arbeit durch einen Schlussstein gekrönt werden.

Es ist daher der Gedanke entstanden, ein Denkmal in Form einer Auferstehungskapelle beim Friedhof der Namenlosen zu bauen. Der Spatenstich erfolgte am 9. Mai 1935 und bereits am Mittwoch den 9. Oktober 1935 konnte die Kapelle von seiner Eminenz Kardinal Erzbischof Dr. Theodor Innitzer eingeweiht werden.

Den Hauptteil der Kosten übernahmen die Arbeitsfreiwilligen selbst. In allen Baulosen arbeiteten diese seit Anfang Mai jeden Tag um eine Viertelstunde länger. Aus dem Wert dieser Viertelstunde wurden die Kosten jener Schichten gedeckt, die zu Zustandekommen des schönen Werkes beigetragen haben.

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Möge das Kirchlein immer Zeugnis geben von einer Zeit in der man bemüht war, herauszukommen aus der Arbeitsnot und in diesem Bestreben ein großes Werk geschaffen zu haben zum Schutze des Lebens und der Wassernot.

 

1939 wurde Herr Fuchs zur deutschen Wehrmacht eingezogen, die damals selbstständige Gemeinde Albern wurde dem Land Wien angeschlossen und der Friedhof der Namenlosen aufgelassen.

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Noch im Jahre 1940 wurde die letzte Bestattung von Frau Franziska Fuchs – Gattin von Herrn Josef Fuchs veranlasst und abgeschlossen.

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In den darauffolgenden Jahren wurde es still um den „Friedhof der Namenlosen“, nur Frau Fuchs kümmerte sich gelegentlich, wenn es die Umstände zuließen, um die verlassenen Grabstätten.

Als 1947 Josef Fuchs von der russischen Kriegsgefangenschaft heimkehrte war einer seiner ersten Wege ein Besuch am Friedhof deren Begrabenen er nicht vergessen hatte.

In mühsamer Eigenregie begann Herr Fuchs die 102 Grabstätten freizulegen um die Grabhügel wieder in einen würdevollen Zustand zu versetzten.                                                                         Josef_Franziska20150221_18541517                                                                          

Auch die Kapelle wurde in mühevoller Kleinarbeit wieder auf Glanz gebracht. Von diesem Tag an wurde jeden Tag am Altar eine Kerze angezündet.

Eigentlich fehlte es an allem, aber Herr Fuchs verstand es, aus den wenigen das Beste zu machen, und so vergingen fast 4 Jahre bis der Friedhof wieder ansehnlich wurde.

 

Zu dieser Zeit war der Grundeigentümer des Friedhofes noch die Gemeinde Wien, die Arbeiten des Herrn Fuchs wurden begrüßt und daher auch Unterstützung zugesagt und gewährt.

90% der Kreuze waren aus Birkenholz, die der langjährigen Witterung nicht standhalten konnten. Herr Fuchs sprach daher in der Direktion des Zentralfriedhofes vor und konnte in einigen Zeitabständen Gusskreuze, die aus aufgelassenen Grabgruppen vorhanden waren, entgegennehmen und nach mühevoller Restaurierung am „Friedhof der Namenlosen“ verwenden.

Die Jahre vergingen und es blieb nicht unbemerkt, dass der Friedhof obwohl er 1940 aufgelassen wurde, liebevoll gepflegt und betreut wurde. Immer mehr Besucher kamen und zeigten Ihr Interesse.

Oft gefragt, erzählte Herr Josef Fuchs seine Erlebnisse, die er in seiner aktiven Zeit als Friedhofsbetreuer erlebte.

So manche überaus traurige Ereignisse waren es, wenn junge Menschen zu grabe getragen wurden. Unter anderem ein Dienstmädchen aus Wien, die mit 18 Jahren keinen anderen Ausweg mehr fand als den Tod in der Donau zu suchen, oder ein junger Mann der sich 1933 am Grab seiner Mutter, die 1927 ertrunken war, erschossen aufgefunden wurde. Er wurde in der Nähe des Grabes seiner Mutter beerdigt.

So hat bestimmt jedes Grab ihre eigene Geschichte und Schicksal, das vielleicht durch Zuhören, mit guten Worten, etwas Mitgefühl, Liebe und Verständnis zu verhindern gewesen wäre.

Es gab Zeiten wo es nicht möglich war, einen sogenannten „Selbstmörder“ auf einen Ortsfriedhof im Familiengrab zu beerdigen.

Auch die Angehörigen eines Menschen, der vielleicht durch Krankheit – Einsamkeit – Armut – Kränkung oder aus sonstiger Verzweiflung den Freitod wählte, hatten es in einem Dorf oder in der Gemeinde nicht immer leicht.

Oft wurden sie aus Voreingenommenheit eine Zeit lang von den „Besseren“ gemieden, oder wie man sagt: „schief angeschaut“.

Mit Vorurteilen sollte man vorsichtig umgehen, man kann sich gar nicht vorstellen, mit welchem seelischen Schmerz so manche Menschen zu kämpfen haben.

Kein noch so kleiner Hoffnungsschimmer um das Leben wieder in den Griff zu bekommen, von der Gemeinschaft missverstanden – nicht beachtet und nicht ernst genommen – kann sehr auf die Substanz gehen.

Alle die freiwillig aus dem Leben geschieden sind verdienen die Bezeichnung „Selbstmörder“ nicht.

Dieses Wort hat man ihnen zuerkannt, um so die vielleicht doch kleinste gesellschaftliche Mitschuld von sich zu weisen.

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